In den Heimatblättern der Dürener Zeitung (3. Jahrgang, Nr. 14 vom 14. Mai 1926) beschäftigt sich Anton Richter aus Urft mit dem Dürener Elementarschulwesen am Ende der französischen Herrschaft. Dort heißt es:
„Um eine genaue Kenntnis der bestehenden Schuleinrichtungen zu erhalten, übersandte der General-Gouverneur am 15. August [1814] an alle Gemeinden seines Verwaltungsbezirks einen Fragebogen mit der Weisung, ihn von dem am besten befähigten Gemeindemitglied beantworten zu lassen.“
Anton Richter hat die Ergebnisse mit Bezug auf die Stadt Düren in den Heimatblättern wie folgt dargestellt:
„Die Stadt D ü r e n, damals 4621 Einwohner mit 738 schulfähigen Kindern im 6. bis 14. Lebensjahre zählend, hatte fünf öffentliche Volks-(Primär)-schulen, vier katholische und eine reformierte. Berichterstatter ist der Prediger der reformierten Gemeinde, Königsfeld. Er gibt an, dass ihm die Persönlichkeiten der katholischen Lehrer und der Geist, in dem sie arbeiteten, nicht so bekannt seien, dass er sich ein Urteil über sie anmaßen wolle. Infolgedessen fehlen uns Nachrichten über den Zustand der katholischen Schulen der Stadt Düren aus der französischen Zeit. – Der reformierten Schule, die auch von mehreren katholischen Kindern besucht wurde, stand der Lehrer Michael Dörr vor. Er war im Jahre 1792 von den Vorstehern der reformierten Gemeinde zu seinem Amte, mit dem das eines Organisten verbunden war, berufen und von dem Prediger geprüft worden; vordem hatte er fünf Jahre lang eine Schule in Elberfeld geleitet. Sein Prediger schildert ihn als einen allgemein beliebten Mann von sanftem Charakter und einer in und außer dem Hause vorbildlichen Lebensweise; »für sein Fach besitzt er die nötigen Kenntnisse, und ohne sich steif am Alten zu halten, macht er sich auch mit neuen Methoden gern bekannt und so wie möglich davon Gebrauch.« Er unterrichtete in Lesen, Schreiben, Rechnen, Singen und in der Orthographie; die Zahl seiner Schüler war durchschnittlich 40. In der französischen Zeit verließen die Knaben in der Regel im 11. oder 12. Jahre die Schule, um in der Privatschule eines gewissen Pützfeld die französische Sprache zu erlernen. Die reformierte Gemeinde stellte dem Lehrer eine Amtswohnung zur Verfügung, in der auch das Schulzimmer war. Dörr erhielt für das vereinigte Lehrer- und Organistenamt ein festes Gehalt von 200 Reichstalern; dazu kam das Schulgeld der Kinder im Betrage von rund 100 Reichstalern; im ganzen war dies ein Einkommen, das im Vergleich zu dem der größten Mehrzahl seiner Kollegen als beneidenswert bezeichnet werden kann.“
„Eselsarbeit für Zeisigfutter“
Unter diesem Titel hat Ursula Walz 1988 ein Buch im Athenäum-Verlag veröffentlicht, das sich mit der Geschichte des Lehrers beschäftigt. Wenden wir uns zuerst der „Eselsarbeit“ zu.
In den Schulen sah es recht bescheiden aus. Häufig wurde der Unterricht in der Lehrerwohnung abgehalten. Das wichtigste Fach war Religion, wobei die Kinder vor allem auswendig lernen mussten. Erst danach kam Lesen und Schreiben. Während Rechnen auf dem Lande wenig gefragt war, wurde es in der Stadt in geringem Umfang unterrichtet. Weil der Lehrer sein methodisches Rüstzeug entweder vom Vater oder aus seiner Militärzeit übernommen hatte und häufig über keinerlei pädagogische Ausbildung verfügte, war das Schule halten eine Last. Da das Verhalten der Schüler außerhalb der Schule gerne dem Lehrer und seinem Unterricht angelastet wurde, machte er häufig die Strafe zum einzigen pädagogischen Mittel. Er „bläute“ den Schülern den Lernstoff ein und wie beim unwilligen Esel griff er zum Stock und anderen drastischen Mitteln.
Die Rechnung eines schwäbischen Rektors während 51 Dienstjahren spricht für sich:
| 124 000 | Rutenhiebe |
| 20 900 | Klapse |
| 136 700 | Handschmisse |
| 10 000 | Maulschellen |
| 79 000 | Ohrfeigen |
| 1 115 800 | Kopfnüsse |
| 22 700 | Notabenes (Schläge mit einem Buch) |
| 777 mal | auf Erbsen knien lassen |
| 613 mal | auf eckigem Holz knien lassen |
| 5 000 mal | das Eselsschild tragen lassen |
| 911000 | Stockschläge |
Dies sollte mit einer eigenen Lehrerausbildung in eigenständigen Lehrerseminaren verbessert werden, die jedoch schon bald „als Brutstätten des unruhigen Geistes“ bezeichnet und die dort ausgebildeten Lehrer als „Sendboten der Revolution“ betrachtet wurden. „1826 hatte man überall mit neuen Gründungen von Seminaren begonnen und im gleichen Jahr auch Lehrerprüfungen festgelegt. 1840 gab es in Preußen 46 Seminare mit 2721 Seminarteilnehmern.“ (Walz, a.a.O., S. 113). Reformatoren wie Diesterweg oder Wander versuchten alles, die Situation weiter zu verbessern. Die Revolution von 1848 ging natürlich auch an den Lehrern nicht spurlos vorbei, die hier eine Chance sahen, ihre Situation zu verbessern. Nach dem Scheitern der Revolution wurden in Preußen wieder alle „Modernisierungen“ zurückgeführt.
Der Lehrer blieb also ein „Eselsantreiber“, der sich mit wenig Geld zufrieden geben musste. Dies hat Samuel Friedrich Sauter mit seinem Gedicht eindrucksvoll beschrieben:
Willst wissen du mein lieber Christ
Wer hier das geplagt’ste Männchen ist?
Die Antwort lautet allgemein:
Ein armes Dorfschulmeisterlein.
Was ist denn wohl des Männchens Kost?
Nur leer’ Gemüs und saurer Most.
Höchst selten Fleisch von einem Schwein;
O armes Dorfschulmeisterlein.
Nachts macht sich’s, wenn es Hunger hat,
mit Suppe und Kartoffeln satt.
Sonst kriegt es nichts? Ach! Leider nein!
O armes Dorfschulmeisterlein.
So Mittags es nicht Schule hält,
geht’s mit der Haue in das Feld
und schafft, weil der Gehalt so klein,
O armes Dorfschulmeisterlein.
Bei einem kargen Stückchen Brot
umringt von Sorgen, Mühe, Not,
soll es dem Staate nützlich sein
das arme Dorfschulmeisterlein.
(Lied: Schulmeister Samuel Friedrich Sauter, 1766-1846)
So war der Lehrer wohl eher ein armer Schlucker, wobei zwischen den einzelnen Gemeinden und Städten deutliche Unterschiede bestanden. Ehrhardt Hecht führt dazu in der Festschrift 150 Jahre Regierungsbezirk Aachen auf S. 223 aus: „Die Besoldung der Lehrer ist durchschnittlich nicht hoch ...“ und weiter heißt es: „In der Übersicht über das Elementarschulwesen vom März 1865 werden Minimalsätze für die Lehrergehälter angegeben. Sie betrugen für die Eifelkreise 150 Th und für die übrigen Kreise 200 Th jährlich. Es bestand keine Neigung der Gemeinden, diese Sätze zu erhöhen ...“
Wenn man davon dann noch die Klassensteuer und den Witwenkassenbeitrag abzieht und durch 365 Tage teilt, dann sind „viele Lehrer patentierte Hungerleider.“ (Hecht, S. 224)
Wichtig ist in diesem Zusammenhang auch ein Blick auf die Kaufkraft der Gehälter. Wenn man den Preußischen Taler (Th) mit 30 Silbergroschen à 12 Pfg. ansetzt, so ergibt sich um 1830 folgendes Bild: 1 Pfund Butter 4,5 – 5 Groschen; ein Pfund Käse 5 Groschen; 1 Scheffel = 55 l Kartoffeln 13 Groschen; ein 6-pfündiges Brot 21 Pfennige.
Welche „Wertschätzung“ die Lehrer erfuhren, zeigt ein Vergleich mit den Gehältern, die preußischen Bahnbeamten 1863 gezahlt wurden:
| Taler | € (2005) | |
| Betriebs-Inspector | 1250 | 29.802 |
| Maschinenmeister | 1000 | 23.841 |
| Stationsvorsteher I. | 600 | 16.689 |
| Locomotivführer | 400 | 9.536 |
| Zugführer | 300 | 7.153 |
| Schaffner | 225 | 5.364 |
| Bremser | 180 | 4.292 |
| Bahnwärter | 160 | 3.815 |
Über das an Dürener Lehrer gezahlte Gehalt findet man u.a. in der Lokalpresse interessante Angaben. 1828 wird die Stelle des Lehrers in Arnoldsweiler neu ausgeschrieben, geboten werden freie Wohnung und 140 Tlr. von Kindern, 20 aus der Gemeindekasse und eine Rente von zweieinhalb Malter Korn. Der möglicher Weise eingestellte Pädagoge hat es anscheinend nicht lange ausgehalten, denn 1832 werden den Bewerbern von den schulpflichtigen Kindern 150 Tlr., aus der Gemeindekasse 20 Tlr., aus der Armen-Kasse zum Unterricht der armen Kinder 5 Tlr. sowie 2 Loose Holz aus dem Gemeindewald geboten.
Auch in Düren haben die Lehrer an den Elementarschulen immer wieder versucht, ihr bescheidenes Gehalt durch die Stadt anheben zu lassen. Im Protokoll heißt es dazu auf Seite 58:
„Es wurde daher einstimmig für den Zander ebenfalls die Gewährung einer Gratifikation von 20 Thaler in Antrag gestellt. Die Zeit der Aufstellung des städtischen Budjets ist herangerückt, es wird daher nun notwendig sein, den Stadtrath um eine bedeutende Erhöhung des Zuschusses für das Elementarschulwesen anzugehen, um die Lehrer durch entsprechende Gehaltserhöhung angemessen zu ermuntern ...“
(Protokollbuch der Konferenzen 1841 – 1847, Pr Z 224, Stadtarchiv Düren).
Der westfälische Industrielle und Abgeordnete des Deutschen Reichstages Friedrich Harkort (1793 – 1880) setzte sich vehement für die Belange der Volkschulen und für die soziale Anerkennung der Volksschullehrer in Wort und Schrift ein. Er meinte: „Während für das Heer 26 Millionen Thaler verwandt wurden, musste sich das gesammte Schulwesen mit 200.000 Thalern begnügen.“ (Walz, a.a.O. SS. 128/129).