14. Soziale Zustände
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war Düren eine kleine, beschauliche Stadt mit rund 4.000 Einwohnern, noch komplett von der Stadtmauer mit ihren Türmen und dem Stadtgraben umgeben. Die allergrößte Zahl der Bewohner des Kreises lebte von der Landwirtschaft, für die die Stadt der wichtigste Marktplatz war. Selbst in der Stadt gab es noch Dutzende landwirtschaftliche Anwesen.

Mit der Eingliederung in den französischen Staat hatten Industrie und Handel einen ersten Aufschwung erfahren. Das änderte sich mit der preußischen Herrschaft zunächst gravierend, da der ganze westliche Absatzmarkt jetzt fortfiel bzw. durch Zölle uninteressant wurde. Erst allmählich gelang die Neuorientierung, die wirtschaftliche Erholung erhielt besonders durch die Gründung des Zollvereins 1834 bedeutenden Auftrieb.

In der Stadt Düren und ihrem engeren Umland (Kreuzau, Niederau, Lendersdorf, Rölsdorf, Gürzenich, Mariaweiler, Birkesdorf) wurden, besonders entlang der Teiche mit ihren Mühlenstandorten, zahlreiche neue Unternehmen gegründet bzw. bestehende erweitert. Aber auch abseits der Energiequelle Wasser, mit Hilfe der sich rasant entwickelnden Dampfkraft, entstanden neue Firmen, vor allem in der Metall- und Textilindustrie.

Sie brauchten eine stetig steigende Zahl von Arbeitskräften, die sie vor allem aus der Landwirtschaft abzogen. Entsprechend rasch stieg die Einwohnerzahl der Stadt Düren: Von ca. 4700 im Jahre 1811 über 5935 im Jahre 1825 auf 8006 im Jahre 1843. Das (nicht statistisch festgestellte) Durchschnittsalter der Bevölkerung muss sehr niedrig gewesen sein, befanden sich doch z.B. Ende des Jahres 1833 unter den 6798 Einwohnern 2569 Kinder unter 16 Jahren. Daran änderte sich auch in den kommenden Jahrzehnten kaum etwas, betrug doch die mittlere Lebensdauer nach einer 1881 angestellten Untersuchung gerade einmal 35,5 Jahre.

Mit der rasch wachsenden Zahl der Einwohner verbanden sich aber natürlich auch Probleme. So musste nicht nur für Wohnraum gesorgt werden, was dazu führte, dass die Stadt in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts große Teile der Stadtbefestigung, vor allem die Tore, niederlegte und über ihren alten Kern hinaus expandierte. Die Menschen brauchten Nahrung, Kleidung, Hausrat – diese steigende Nachfrage mag ein Grund dafür gewesen sein, dass Düren nach einem Zeugnis des Dürener Landrats Moritz von Egidy aus dem Jahre 1838 „zu den teuersten Städten der Monarchie“ gehörte. Das traf weniger den „wohlhabenden, tüchtigen Mittelstand“, den Düren nach dem Urteil eben dieses Landrats aufzuweisen hatte, als die wachsende Schar der Industriearbeiter – ihre Zahl betrug im Jahr 1861 3700 Männer und 1357 Frauen, die sich im Wesentlichen auf die Stadt Düren und ihr enges Umland konzentriert haben dürften. Sie waren den Schwankungen der Wirtschaft am unvermitteltsten ausgesetzt, ihr Kinderreichtum bedeutete Erwerbsmöglichkeit – durch Kinderarbeit – und Belastung zugleich.
In finanziellen Schwierigkeiten blieb oft genug nur der Weg zu dubiosen Geldverleihern.
„War die Habseligkeit der Armen auf diese Weise einmal fort, so blieb diesen bei neuen Verlegenheiten nur der Weg zur Armen-Commission, die ihrerseits dadurch von allen Seiten so gedrängt wurde, daß sie oft außer Stande war, das Nothdürftigste zu leisten,“ klagte Bürgermeister Dr. Günther im Verwaltungsbericht der Stadt 1832. In der großen Krise der 1840er Jahre, die durch Missernten, Hungersnot und Arbeitslosigkeit geprägt war und somit das Feld für die 1848er Revolution bereitete, beschrieb der „Dürener Anzeiger“ die Situation in der Stadt: „Die schönen Tage sind hin, in welchen man mit Recht sagen konnte: Du stolzes Düren freue Dich! … Diese einst so gewerbereiche und in ihrem Wohlstand so fest begründete Stadt von ca. 8000 Bewohnern umschließt gegenwärtig an die 4000 Bürger, welche mehr oder minder der Unterstützung bedürftig sind … wenn man den Fabrikanten den Vorwurf machen wollte, daß sie eine Menge Fabrikarbeiter herangezogen und nachdem sie deren Arbeitskraft abgenutzt und zu ihrer Bereicherung verbraucht hatten, sie der Stadt zur Erhaltung überlassen hätten, dann haben sie getan was sie gesetzlich durften und Niemand hat sie daran gehindert …“. Insbesondere im „Hungerwinter“ 1846/47 verschlimmerte sich die Lage derart, dass zu „außergewöhnlichen Hilfsmaßnahmen“ gegriffen werden musste. Eine Kommission zur Abhilfe augenblicklicher Notlagen veröffentlichte im „Dürener Anzeiger“ einen Aufruf mit der dringenden Bitte um milde Gaben in Form von Lebensmitteln, Brennmaterial oder Geldzuwendungen: „Die Teuerung der Lebensmittel, der Mangel an Arbeit und die anhaltende Kälte hat viele unserer Mitbürger schmerzlich heimgesucht. Es gibt ganze Familien, die weder Brennmaterial gegen die empfindliche Kälte, noch die nötige Bekleidung, noch Lebensmittel zum Unterhalt auch nur für einen Tag haben.“

Auszug aus einem Protokoll des „Vereins zur Linderung der großen Noth“ vom 28.1.1847 (Abschrift der Zeit):
Nachdem der Ausschuß, welcher in Verbindung mit den Herren Armen-Pflegern, sich des mühsamen Geschäftes unterzogen, die Armen in ihren Hütten aufzusuchen, und ihre Lage, Verdienste und Bedürfnisse bis in die kleinsten Details zu ermitteln, die Resultate seiner Forschungen mitgetheilt hat, hat es sich leider ergeben, daß der Pauperismus in unserer Stadt dermaßen zugenommen hat, als es gegen alle Erwartung geht. Brod, Feuerung, Bedeckung und Kleider sind ein allgemeines Bedürfniß, welches bei dem gleichzeitigen Mangel an Beschäftigung täglich vermehrt wird und sich immer greller herausstellt. Auch selbst die arbeitende Klasse ist bei der übermäßigen Theuerung aller Lebensmittel und dem anhaltenden Winter außer Stande gesetzt, ihre Familie mit dem Tagelohn zu ernähren; dazu kommen noch eine Menge kleiner Gewerbetreibender, welche aus Schamgefühl eine öffentliche Anmeldung unterlassen und durch Verarmung doppelt gedrückt sind.
Nach der Zusammenstellung der einzelnen Pflege-Bezirke ergibt es sich, daß in unserer Gemeinde 571 Familien und 21-2200 Seelen der Unterstützung bedürfen; darunter wären nach den geschehenen Prüfungen ca. 800 Armen, denen das Brod unentgeltlich verabreicht werden müßte; ca. 1300 davon müßten wohlfeileres Brod erhalten. 192 Familien wären mit Kohlen zu unterstützen, 359 Köpfe mit Bettzeug und Bekleidung, 67 Familien mit Geld (worunter mehrere Schamhafte). 578 Köpfe mit Suppen. Die Brod- und Suppen-Unterstützungen müßten auf 6 Monate geschehen, da bis zur nächsten Erndte keine wohlfeilere Preisen der Lebensmittel zu erwarten sind. Die Suppenvertheilung müßte mit der jetzt bestehenden Anstalt versuchsweise in Verbindung treten, um dann später deren Zweckmäßigkeit zu berathen.

(unterzeichnet von: Heimbach, Robert Schoeller, Eberhard Hoesch, Leopold Schoeller, A.J. Virnich, Königsfeld, Louis Draemann, Reichardt, Dr. Brauss, Eduard Schoeller, Claessen, Eng. Hoch).

Schon im Winter 1842 hatte der Dürener Arzt Dr. Gustav Königsfeld mit privaten Spenden eine „Beköstigungs-Anstalt für Arme und Hilfsbedürftige hiesiger Stadt“ ins Leben gerufen, die jeweils von Dezember bis zum folgenden April in den Räumen des ehemaligen Jesuiten-Kollegiums warme Suppen ausgab; im Winter 1844/45 waren es 300 Portionen täglich.

Obwohl die Einwohnerzahl der Stadt rasch anwuchs, wohnte doch der überwiegende Teil der Industriearbeiterschaft noch in den umliegenden Dörfern. Das lag nicht nur am mangelnden Wohnraum in der Stadt, sondern auch in der Tatsache begründet, dass viele, um ihre Familien ausreichend ernähren zu können, nebenbei noch Landwirtschaft betrieben. So wohnten von den 900 Arbeitern der Flachsspinnerei Schoeller, Bücklers & Co. 1865 rund 30 % in der Stadt, 40 % im Kreis Düren, weitere 30 % kamen sogar aus den Nachbarkreisen Aachen, Monschau, Schleiden und Jülich. Für die Arbeiter bedeutete das täglich lange Fußmärsche von und zur Arbeit, was sich erst gegen Ende des Jahrhunderts – durch die Erfindung des Fahrrads und den Bau verschiedener Eisenbahnstrecken – änderte. Nur ein Teil von ihnen wohnte die Woche über in meist firmeneigenen Arbeiterwohnheimen.

Mehr oder weniger weit verbreitet war bis nach der Jahrhundertmitte auch das teilweise Entlohnen der Arbeiter in Waren, das sog. Truck-System. Mancher Unternehmer hatte dazu eigens Läden eingerichtet, was nicht selten zur Übervorteilung der Arbeiter führte. Erst durch strenge gesetzliche Regelungen und harte Strafen konnte dem Einhalt geboten werden. So wurde 1858 ein Hovener Fabrikant zu 100 Talern Geldbuße verurteilt, weil er neben seiner Fabrik ein Ellenwarengeschäft betrieb, in dem die Arbeiter das hier Gekaufte mit einem in der Fabrik erhaltenen Vorschuss bezahlten.

In vielen Familien war es zur Sicherung des Familieneinkommens nötig, dass die Kinder ebenfalls in Betrieben und Fabriken arbeiteten. Besonders in der Papier- und Textilindustrie, in denen viele „leichte“ Arbeitsschritte und Tätigkeiten anfielen, wurden die gegenüber Frauen billigeren Kinder eingesetzt. 1837 beschäftigte die Dürener Papierindustrie 89 Kinder, das waren 15,4 % der Belegschaft, die Tuchindustrie 183 Kinder (=12,8 %). Ein klassischer Einsatzbereich der Kinderarbeit war die Nadelindustrie. Bei Schleicher & Söhne machten die beschäftigten Kinder noch 1858 fast die Hälfte der Belegschaft aus.

Viele dieser Kinder litten – bei täglichen Arbeitszeiten von 8 bis 16 Stunden und dem in den Fabriken herrschenden Dreck und Lärm – an gesundheitlichen Schäden wie allgemeiner Schwäche bzw. Unterernährung, Wachstumsstörungen bis hin zu Tuberkulose. Selbst Branntweinkonsum war zu beobachten. Neben der körperlichen litt natürlich auch die geistige Bildung. Anlässlich der Eröffnung der städtischen Sonn- und Feiertagsschule für Knaben im Alter von 8 bis 18 Jahren im Mai 1834 musste festgestellt werden, dass von den 100 Schülern „die Hälfte weder lesen noch schreiben kann, während sie nichts destoweniger durch Beschäftigung an Fabriken etc. dem täglichen Schulunterricht auf immer entzogen ist.“

Es waren besonders weitsichtige Pädagogen, aber auch die staatlichen Fabrikinspektoren, die auf ein völliges Verbot der Kinderarbeit drängten. Ein erster Schritt dazu wurde mit dem preußischen Regulativ vom 9. März 1839 unternommen, verbunden mit scharfen Kontrollen in den Fabriken. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verschwand die Kinderarbeit in Düren nahezu vollständig.



Weitere Tafeln:
– Soziale Einrichtungen in Düren
– Armenfürsorge
– Heilig Geist-Haus
– Gesundheitswesen


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