05. Düren als Wallfahrtsort nach dem
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Verbleib des Annahauptes in Düren
Am 29. November 1500 entwendete der in der Mainzer Stiftskirche St. Stephan beschäftigte, 25 Jahre alte Steinmetz Leonhard ein handtellergroßes Fragment einer menschlichen Hirnschale, das dort als Anna-Reliquie verehrt wurde. Über die Gründe und die Begleitumstände dieser Tat gehen die Darstellungen weit auseinander. Sie reichen von „Entschädigung für vorenthaltenen Lohn“ bis zu „göttlicher Eingebung wegen mangelnder Verehrung der Reliquie durch die Mainzer“.
Nach einem kurzen Aufenthalt in seiner Heimat Kornelimünster, wo der Reliquie zu Ehren ein eigener, heute noch erhaltener Altar errichtet wurde, wandte sich Leonhard nach Düren und übergab die Reliquie den Franziskanern, die sie den Mainzern zurück geben wollten. Warum es dazu nicht kam, wird ebenfalls sehr unterschiedlich dargestellt. Nach einem jahrelangen Rechtsstreit (für damalige Zeiten ein „Sensationsprozess“), an dem sich Kaiser Maximilian I., Fürsten, Herzöge, Erzbischöfe und zwei Päpste beteiligten, wird das Anna-Haupt schließlich durch eine Bulle Papst Julius II. am 18. März 1506 Düren zugesprochen.
Schon kurz nach dem Eintreffen des Anna-Hauptes in Düren und seiner Unterbringung in der St. Martins-(=Anna)Kirche setzte eine rege Wallfahrtstätigkeit ein. Sie bescherte der Stadt Düren neben den direkt in der Kirche dargebrachten Wallfahrtsopfern – über deren Verteilung im Übrigen zwischen Pfarrer und Magistrat ein langwieriger Streit entbrannte, der schließlich mit einer Aufteilung von einem Drittel für den Pfarrer und zwei Dritteln für die Stadt endete – durch die notwendige Versorgung und Unterbringung der vielen Menschen eine rasche wirtschaftliche Blüte. Dass die Dürener Stadtoberen dieses wirtschaftliche Potenzial sofort erkannt hatten, belegt ein Angebot vom Februar 1501 an das Mainzer Stephansstift, im Falle des Verbleibs der Reliquie in Düren eine einmalige Zahlung von 12.000 Gulden, eine jährliche Zahlung von 100 Gulden und die Erstattung aller angefallenen Kosten zu leisten.
Die Verehrung der Mutter Mariens entstand etwa um das Jahr 500 in Jerusalem und gelangte über Konstantinopel im frühen Mittelalter nach Rom und von dort in den weiteren Westen. Sie erreichte einen ersten Höhepunkt im 13./14. Jhdt., namentlich durch Mainz, das 1212 eine Annareliquie erhalten hatte. Etwa ab 1450 hatte die Anna-Verehrung eine solche Blüte erreicht, dass sie um 1500 zur regelrechten „Modeheiligen“ geworden war. Die Zahl der Bruderschaften, Gottesdienststiftungen, Glocken, Kirchen und Klöster, die nach ihr benannt wurden, wuchs ins Unübersehbare. 1481 war das Annafest in den römischen Festkalender aufgenommen worden. Anna galt als Patronin u.a. der Armen und Arbeiterinnen.
Düren war durch den Erwerb des Annahauptes 1501 zum bedeutendsten Annawallfahrtsort des westlichen Deutschland geworden. Bis zur weitgehenden Zerstörung der Stadt durch den Brand 1543 war die noch ganz ins mittelalterliche Weltbild eingebundene Annaverehrung an den siebenjährigen Turnus der Aachener Heiligtumsfahrt angeschlossen. Einem auch durch die Reformation bedingten Niedergang folgte seit der Übernahme der Annapfarre durch die Jesuiten ab 1628 eine neue, ganz im gegenreformatorischen Sinne geprägte Hochzeit, die, mit zeitbedingten Abschwächungen, bis ins 20. Jhdt. anhielt.
Dem Metzer Philipp von Vigneulles verdanken wir eine relativ authentische Schilderung der Verhältnisse im Jahre 1510. Der Pilger war mit einigen Gefährten zu Pferd auf dem Weg von Kornelimünster nach Düren. Unterwegs trafen sie auf eine Menge von schätzungsweise 50.000 Menschen, weitere 20.000 sollen im Wald und auf den Feldern genächtigt haben. Nachdem sie bei einem Geistlichen in einem Dorf – eine Stunde vor Düren – Unterkunft genommen hatten, brachen sie am 16. Juli in aller Frühe auf, um an der auf 7 Uhr angesetzten Zeigung des Annahauptes teilzunehmen. Dazu spielten die Stadtmusikanten auf einem „schmuckvollen Peristyl“, einer Art Balkon auf der nördlichen Seite des Kirchenschiffs.
Dann beginnt die Zeigung des Annahauptes. Der Prälat, der es hält, dreht es um, das Oberste zu unterst, um die Hirnschale des Kopfes ganz frei zu zeigen, denn sie ist ganz in Silber eingefasst, aber auf dem Kopfe ist eine kleine Platte, die in die Höhe geht; und da schien es, als müsste alles infolge des heftigen Hörner- und Trompetenschalles zerspringen und man weinte gleichsam vor Freude.